Sechs Punkte für sechs Punkte (Entwicklung, Geschichte und Persönliches zur Punktschrift )

Guten Tag,

mit Schrift zu arbeiten ist für mich Beruf und Berufung. Das bedeutet in meinem Fall, dass ich ursprünglich in der Punktschrift zuhause bin. Denn ich bin seit Geburt vollblind und lese und schreibe die Schrift, die von Luis Braille im 19. Jahrhundert entwickelt wurde, seit über 40 Jahren. Diesen Artikel, der in ähnlicher Form bereits am 09. Dezember 2012 auf http://www.texthaseonline.com erschien, stelle ich in meinen Bewerbungsblog ein, da Kolleginnen und Kollegen aber auch mögliche Arbeitgeber wissen sollten, wie wichtig und innovativ die Brailleschrift auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts sein kann, wie sie sich überhaupt entwickelt hat, und welche Bedeutung sie gerade für mich und meine Schreibarbeit hat. Ich werde in Kürze hier noch einen zweiten Post einstellen, der von den modernen Brailledisplays handelt, mit denen vollblinde Computernutzer privat und beruflich arbeiten.

Brailleschrift und Bildung

Ich weiß natürlich um die Probleme, die der Verbreitung der Brailleschrift im Wege stehen. So können beispielsweise viele blinde Kinder die Punktschrift nicht erlernen, da sie auf Grund anderer Behinderungen oder Erkrankungen nicht in der Lage sind, die Schrift zu ertasten und/oder ihr System zu begreifen. Die meisten Menschen erblinden in ihrer zweiten Lebenshälfte. So sind etwa 70% der Blinden 65 Jahre oder älter. Zu bedenken ist, dass auch bei diesen Menschen oft zusätzlich andere Behinderungen oder Erkrankungen wie Diabetes vorliegen, die das Erlernen der Blindenschrift unmöglich machen oder zumindest stark erschweren oder verhindern. Viele ältere Menschen wagen sich verständlicherweise nicht mehr an das Erlernen einer neuen Schrift. Und darüber hinaus findet noch lange nicht jeder Lernwillige Erwachsene an seinem Heimatort einen geeigneten Lehrer. Doch es gibt auch bezogen auf den Schrifterwerb interessante Projekte, die Erwachsenen helfen können, die Brailleschrift zu erlernen. Und das kann auch sehr viel Freude machen, wie das Projekt Pluspunkt von Hanni Wüthrich und Regula Schütz zeigt. Informationen darüber sind auf der Homepage: http://www.braille.ch unter dem Link Pluspunkt zu finden. Mich würde es freuen, wenn ich die Gelegenheit bekommen könnte, wieder Punktschrift zu unterrichten. Denn dann wäre es möglich dieses Lehrsystem mit seinen innovativen Zugängen zur Brailleschrift zu nutzen.

Die Brailleschrift und meine Wenigkeit

Obwohl ich kein Lobbyist in Sachen Punktschrift bin, liebe ich die Brailleschrift und mir ist bewusst, wie viel diese sechs Punkte für die Bildung und das Selbstverständnis blinder Menschen geleistet hat. Das liegt sicherlich nicht zuletzt daran, dass die Punktschrift von einem Blinden entwickelt und von den Blinden selbst angenommen und verbreitet wurde.

Für mich gibt es sechs persönliche Punkte, warum ich die Punktschrift nach wie vor sehr schätze, und sie zusätzlich zu den neuen Möglichkeiten, die Hörbücher etc bieten, wieder verstärkt nutze.

1. Sie war und ist mir ein sinnvoller und guter Zeitvertreib vor allem in schlaflosen Nächten.
2. Ich kann beim Lesen und schreiben die Geschwindigkeit vorlegen, die gerade passt.
3. Wenn ich leise lese, erklingt meine innere Stimme bzw meine inneren Stimmen und die Vorstellungsgabe wird besonders beflügelt.
4. Vorlesen macht Spaß und ermöglicht es Texte immer wieder neu zu gestalten und zum Leben zu erwecken.
5. Nicht zu allen Texten, die ich lese oder schreibe, habe ich sofort eine abschließende Meinung. Daher war es vor allem in der Zeit vor den Computern gutLesestoff und selbst geschriebene Texte für einige Zeit zur Seite zu legen, um sie später zu verstehen oder zu bearbeiten.
6. Es ist ein gutes Gefühl beim Lesen oder Schreiben erleben zu dürfen, wie Kopf, Herz und Hand zusammenarbeiten.

Ich habe seit dem 08. August 1972 intensiven und persönlichen Kontakt mit der Punktschrift, denn an diesem Tag wurde ich in die Rheinische Landesschule für Blinde in Düren eingeschult, die inzwischen Luis-Braille-Schule heißt.

Zur Geschichte und Vielfalt der Brailleschrift

Und jetzt folgt in diesem Post noch etwas über die Entwicklung der Punktschrift.Luis Braille wurde am 04.01.1809 geboren. Im Alter von vier Jahren verletzte er sich ein Auge an einer der Schusterahlen in der Schuhmacherwerkstatt seines Vaters. Das Auge entzündete sich. Und die Entzündung griff auf das andere Auge über, so dass Luis Braille vollständig erblindete. Von Kindesbeinen an wollte Luis Braille sich nicht damit abfinden, dass er Literatur nur durch das Vorlesen kennen lernen konnte. Er interessierte sich für unterschiedliche Ideen für Schriftsysteme, die haptisch erfassbar waren, z. B. für Reliefschrift, bei der die Druckbuchstaben der geläufigen Schwarzschrift tastbar gemacht wurden. Doch diese Übertragung von Strichen, gebogenen Strichen und Punkten stellten sich als zu groß für die Ertastung heraus. Im Alter von 11 Jahren lernte Luis Braille die sog. Nachtschrift, die der Artilleriehauptmann Charles Barbier entwickelt hatte, kennen. Aber auch diese Schrift mit ihren zwölf Punkten erwies sich als zu groß und kompliziert, um sie einfach mit einem Finger oder mit zwei Fingern, die einander folgen, zu ertasten. Luis Braille vereinfachte diese Schrift auf sechs Punkte. Durch Die Anregungen, die er durch Versuche mit anderen Tastschriften erhielt und durch Experimentieren gelang es Luis Braille im Jahr 1825 die Sechspunktschrift, die heute weltweit seinen Namen trägt, vollständig zu entwickeln. Außerdem entwickelte er die auf der Grundlage der Sechspunktschrift die Blindennotenschrift, mit der blinde Musiker auf der ganzen Welt Noten lesen und schreiben. Inzwischen ist die Brailleschrift als Grundlage weiterer Schriftsysteme für Blinde verbreitet, z. B. kyrillisches Alphabet, japanische Silbenschrift, Mathematikschrift etc. Luis Braille starb im Jahr 1852 an Tuberkulose. Den Siegeszug seiner Erfindung erlebte er nicht mehr. Im Jahr 1850 wurde die Brailleschrift an französischen Blindenschulen als verbindliche Kulturtechnik eingeführt. Die internationale Anerkennung als Schriftsystem der Blinden erfolgte am 09.12.1879. In diesem Jahr wurde die Sechspunktschrift auch in Deutschland anerkannt.

Interessant an der Verbreitungsgeschichte der Brailleschrift sind die Vorbehalte, die sehende Blindenlehrer Luis Braille und seiner Erfindung entgegen brachten. So war der Direktor der französischen Blindenschule, an der Luis Braille lehrte, davon überzeugt, dass die Einführung dieser Schrift blinde Menschen von ihren sehenden Mitmenschen isolieren würde. In Deutschland wurde dieser Schrift sogar der Vorwurf der Subversion entgegen gehalten, denn sehende Blindenlehrer experimentierten im 18. und 19. Jahrhundert selbst mit verschiedenen Schriftsystemen. Und es war die Überzeugung mächtig, dass ein eigenes Schriftsystem, das von den Blinden selbst entworfen und unterrichtet werden konnte, keine Zukunft haben könnte.
Dazu kam, dass auch blinde Blindenlehrer sehr umstritten waren. Doch vor allem ab Ende des 19. Jahrhunderts trug die Brailleschrift zur Emanzipation und Bildung blinder Menschen wesentlich teil. Dies ist sicher zu weiten Teilen der Tatsache zu verdanken, dass Luis Braille und seine Mitstreiter sehr sorgfältig experimentierten, um eine angemessene Punktekonstellation zu finden, die den Erfordernissen des Tastsinns entspricht.

Liebe Grüße

Christiane Quenel
Quellen
Wikipedia: de.wikipedia.org/wiki/Louis_Braille

Zeitschriftenartikel:

Manfred Weiser: Zur Geschichte der Blindenbildung. Zeitschrift für Sonderpädagogik. 1/1990 S.29-44
Homepage mit aktuellen Aspekten zum Thema Brailleschrift aus der Schweiz: http://www.braille.ch

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